Vortrag von Professor Dr. Wolfgang Benz

...  zum Gedenktag „80 Jahre Reichspogromnacht" am 9.11. 2018

2018 Vortrag ProfBenzAnlässlich des Gedenktags an die nationalsozialistischen Gräueltaten in der Nacht zum 9. November 1938 ist es der Geschichte-Fachschaft des KGW gelungen, den renommierten Zeithistoriker und Antisemitismusforscher Herrn Professor Benz für einen Vortrag zu gewinnen.

Am 20.11.2018 sprach er vor Schülern der Klassen 9 und Kursstufe 1 im Foyer des KGW über den Antisemitismus als europäisches und deutsches Phänomen im Wandel der Zeit.

Er zeigte dabei anschaulich auf, wie sich der ursprünglich religiös motivierte Antisemitismus des Mittelalters (die Juden als „Christusmörder“, als ausgegrenzte Minderheit und Sündenböcke in Krisen- und Seuchenzeiten, aber auch während der Kreuzzüge) in eine auch wirtschaftlich motivierte Gegnerschaft wandelte. Hier spielte das Zinsverbot für Christen eine große Rolle, das die Juden in die verhasste Branche des Geldverleihs drängte, ebenso wie der Ausschluss der Juden aus vielen „ehrlichen" Berufen.

Das 18. Jahrhundert brachte im Zuge der Aufklärung mit der Judenemanzipation die bürgerliche Gleichstellung der Juden und damit ein „goldenes Zeitalter“ des Judentums in weiten Teilen West- und Mitteleuropas, das mit wirtschaftlichem und gesellschaftlichem Aufstieg einherging und enorme Impulse in Wissenschaft und Kultur brachte. Zugleich zeigte sich ein großer Assimilierungswille der Juden, der unmittelbaren Ausdruck im Übertritt zum Christentum fand.

Das 19. Jahrhundert brachte eine neue Spielart des Antisemitismus hervor, die durchaus auch als neidvolle Reaktion auf die jüdische Erfolgsgeschichte verstanden werden kann, nun aber pseudowissenschaftlich unterfüttert wurde : Der sogenannte „rassische Antisemitismus". Fragwürdige Autoren wie Graf Gobineau, Schwiegersohn Richard Wagners, postulierten eine Ungleichheit der menschlichen Rassen und wiesen dem Judentum, das nun nicht mehr religiös, sondern biologistisch definiert wurde, in der Hierarchie der Rassen die unterste Stufe zu. Die Juden wurden als nicht kreative, rein parasitäre Bevölkerungsgruppe dargestellt, deren einziges Ziel die Unterwanderung, Ausbeutung und letztlich Dominanz der Mehrheitsgesellschaft sei, politisch, wirtschaftlich und kulturell. Diese Theorien erfuhren eine enorme Verbreitung und Popularisierung und fanden, in stark vereinfachter und trivialisierter Form, schließlich Eingang in die nationalsozialistische Ideologie. Die Nationalsozialisten setzten sich die Vernichtung des Judentums als zentrales Ziel ihrer Politik, die mit erschreckender Konsequenz im Zweiten Weltkrieg umgesetzt wurde. Diese „Phänomenologie des Antisemitismus“ fanden die Schüler sehr interessant und aufschlussreich.

Professor Benz bescheinigte der Bundesrepublik Deutschland, das grauenvolle geschichtliche Erbe des Holocaust in anerkennenswerter Weise aufgearbeitet zu haben. Dennoch rief er zu ständiger Wachsamkeit auf. Die deutsche Gesellschaft habe zu jeder Zeit bis in die Gegenwart ein Substrat von 10 – 20 Prozent der Bevölkerung aufgewiesen, das für antisemitisches Gedankengut anfällig sei. Für die auffälligen aktuellen Tendenzen im deutschen Osten (braune Kameradschaften, NSU, Wahlverhalten) machte er die mangelnde politische Aufklärung in der DDR verantwortlich, die sich durch die Eigendefinition als antifaschistischer Staat einer echten Aufarbeitung weitgehend entzogen habe. Zudem machte er auf eine neue Form des Antisemitismus in der Bundesrepublik aufmerksam, die sich durch den vermehrten muslimischen Zuzug ergeben habe und in der Stoßrichtung anti- israelisch sei. Er appellierte aber an die Zuhörerschaft, dies nicht zum Anlass zu nehmen, den genuin deutschen Antisemitismus aus dem Blick zu verlieren und einen unverstandenen oder undifferenziert betrachteten Islam zum neuen Paria zu machen.

Die sich anschließende lebhafte Diskussion mit den Schülerinnen und Schülern zeigte, dass großes Interesse an der Thematik vorhanden war, da sie auch in ungewöhnliche Bereiche der Lebenswelt junger Leute hineinragt. So wurde etwa der Skandal um die Echo-Verleihung an die Rapper Fahrid Bang und Kollegah thematisiert. Professor Benz zeigte sich auch auf diesem unakademischen Parkett sehr beschlagen und fand insgesamt eine sehr gute Ebene im Gespräch mit den Schülern.

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